Georg Brunold

Aus der Serie Angola, ©photo: guenay ulutuncok/laif

Großer Bronzepfeil

Daß noch andere Journalisten und womöglich sogar Fotojournalisten in der Stadt waren, 1991 in Addis Abeba, kurz nachdem Mengistu Haile Mariam das Weite gesucht hatte, das war nicht weiter verwunderlich. Ich paßte auf sie nicht auf und habe nur nebulöse Erinnerungen, bestenfalls in der Form, daß es mir irgendwie doch vertraut vorkam, wenn er mir später sagte, schon damals in Addis Abeba habe er mir gesagt, wir hätten bereits in den Jahren zuvor am Telefon miteinander gesprochen, ich in Zürich am Dienstpult der Auslandsredaktion der «Neuen Zürcher Zeitung» und er in seiner Agentur Laif in Köln, woran ich mich aber überhaupt nicht erinnerte. So lernt man, wenn nicht immer sogleich auch andere Leute, dank diesen immerhin sich selber ein wenig kennen. Kurz: Der Anfang lag im Dunkeln. Und hätte ich einen Roman über ihn zu schreiben, dann wäre das der erste Satz: Der Anfang lag im Dunkeln.

Bis ich im Jahr darauf in der angolanischen Hauptstadt Luanda um die Ecke bog und er – «hey!», sagte er – vor mir stand. Jetzt erfuhr ich endlich von unserer bereits mehrere Jahre zurückreichenden Bekanntschaft – eine Mitteilung, die mir nun aber, und dies nicht etwa nur umstandsbedingt, sondern, ohne Rücksicht auf meine Lage allein auf weiter Flur in der Dreimillionenstadt, ganz unmittelbar einleuchtete, ohne auf vollständige Klärung der Gründe zu warten, sozusagen auf einen Schlag. Es gibt, soviel hatte ich schon von klein auf gewußt, verschiedenerlei Selbstverständlichkeiten. Die einen sind, genau genommen, alles andere als selbstverständlich, sondern haben sich im Lauf der Zeit und dessen, was diese mit sich zu Tale schwemmt, mühsam zu Selbstverständlichkeiten verfestigt. Dem stehen andere gegenüber, recht eigentlich eine Art selbstverständlicher Selbstverständlichkeiten, die nur vor die Erschaffung der Welt zurückreichen können. Auf dem 30 Millionen Quadratkilometer umfassenden Kontinent unserer südlichen Nachbarn nimmt man das hin und zerbricht sich den Kopf über anderes.

Wieder im folgenden Jahr – ich hatte mich daheim in Nairobi mit Ziel Hoddur, Somalia, zum Flughafen begeben – wunderte ich mich kein bißchen mehr, als ich in der startbereiten Transportmaschine der Bundeswehr auf ihn traf. Da war keinerlei Mutwillen vonnöten, wir hatten dazu gar nichts beizutragen: Ein Jahr später, in den letzten Tagen des Völkermords in Rwanda, kam auf dem Flugfeld von Goma, Ostzaire, die Beechcraft des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz angerollt, mit der ich nach Nairobi zurückfliegen sollte. Die Tür ging auf, und – «hey!» – wer stand dahinter? Ich hatte ihn nur noch meinem in Goma einheimischen Freund Popol weiterzureichen, der mich in den Tagen zuvor untergebracht und jetzt zum Flughafen gebracht hatte, und beiden würde nichts Böses zustoßen.

Seitdem mochten wir nie mehr ganz aufeinander verzichten. Und ich war, seit ich um die Bedeutung von Guenays Nachnamen Ulutunçok wußte, gegen das Vergessen gewappnet. In meinem Graubündner Kettenhemd hatte ich dem türkischen Volltreffer des Großen Bronzepfeils standgehalten! Weiß man nicht immer gleich, wen exakt man hier vor sich hat, so erfaßt man doch oft recht schnell, was für eben denselben nicht das Markezeichen ist. Nein, unter dem vielen, was an Guenay zu entdecken war, ist und bleibt, ist nichts Kleinliches. Als wäre das nicht für sich allein schon weiß Gott selten genug, paart es sich bei ihm obendrein mit der zuverlässigsten Absenz jeden Anflugs von Unaufmerksamkeit. Guenays Großzügigkeit – wie sich versteht, nie sich selber, sondern immer nur anderen gegenüber – droht jederzeit in Aktivismus auszubrechen, ein Sicherheitsrisiko nicht bloß für ihn, sondern für alle, die ihr Schicksal mit dem seinen zu teilen haben! Und ist er einmal anderer Meinung, was für ihn wiederum mit der besagten, vor den Urknall zurückreichenden Selbstverständlichkeit ganz gerne vorkommt, dann hört man ihn, auch wenn er den Mund nicht auftut, mit den an Rousseau gerichteten Worten Voltaires sagen: «Ich teile Ihre Meinung nicht, Monsieur, aber ich gäbe mein Leben dafür, wenn Sie sie frei aussprechen könnten.»

Georg Brunold, geboren 1953, lebt seit 2012 wieder in der Schweiz. Er ist promovierter Philosoph, war stellvertretender Chefredakteur von DU und Korrespondent der NZZ. Er hat aus über 80 Ländern dieser Welt berichtet. Wer ihn kennt, weiß: Wenig Menschliches ist ihm fremd.

Er übersetzte Winston Churchill und Mohamed Choukri, veröffentlichte Bücher wie Afrika gibt es nicht, Fortuna auf Triumphzug und Nilfieber. Sein letzter Großband war Nichts als die Welt. Augenzeugenberichte und Reportagen aus 2500 Jahren.

Weitere Informationen: http://georgbrunold.org/buecher

Dr. Georg Brunold