Kongo-River

©photos: guenay ulutuncok/laif

Reise ins Herz der andauernden Finsternis

Von Guenay Ulutuncok

1899 erscheint Joseph Conrads Novelle „The Hearts of Darkness“ (Herz der Finsternis), die schnell Weltruhm erlangt und in jüngster Zeit durch den Monumentalstreifen „Apocalypse Now“ erstaunliche Aktualität gewinnt. Der Schriftsteller hatte 1890 als Kapitän eines 15 – Tonnen – Dampfers den Kongofluß von Kinshasa bis nach Kisangani befahren, im Auftrag einer belgischen Handelsgesellschaft, die „Elfenbein aus dem Land herauspreßte.“

Inspiriert von Joseph Conrad habe ich im letzten Regierungsjahr Mobutus – den sie am Fluß den Großen Leoparden nannten – eine Fahrt auf dem Kongostrom unternommen. Die Reise (knapp 100 Jahre danach, 1996) von Bumba nach Kisangani – zunächst auf einem abgetakelten Frachtschiff, dann in einer Piroge (Einbaum) – wurde zu einem knochenharten, aber auch faszinierendem Abenteuer, ein Eintauchen in eine andere Welt, eine Tuchfühlung mit dem schwarzen Kosmos vergangener Jahrhunderte.

Seit Conrad hat sich wenig verändert. Vielmehr – so scheint es – wurde sein Buchtitel zum düsteren Omen für das Riesenreich am „Großen Wasser“.

Die Raffgier der weißen Fremdherrscher, der Belgier, hatte über 400 Völker und Ethnien mit der Macht der Gewehre gewaltsam zusammengeführt. Aus diesem Willkürgebilde unter der anschließenden Diktatur von Mobutu konnte bis heute kein wirklicher Staat entstehen.

Ganz im Gegenteil wiederholt sich dort Europas leidvolle Geschichte: Die Wirren, das Morden, Plündern und Brandschatzen eines „Dreißigjährigen Krieges“ reißen gegenwärtig das Land von der Größe Westeuropas in den Abgrund, jenes Land das Mobutu „Zaire“ und sein „würdiger“ Nachfolger Kabila „Demokratische Republik Kongo“ nannte.

Guenay Ulutuncok, Kisangani, April 1996

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Zitate – Joseph Conrad, „Herz der Finsternis“ © 1992 by Haffmans Verlag AG, Zürich

Herz der Finsternis