Pepetela

Während des Bürgerkrieges zwischen der MPLA und UNITA, Angola, © photo: guenay ulutuncok/laif

Ich spreche von einem Land, das wir suchen. Von einem Land mit weiten Ebenen, durchschnitten von Bergen, Tälern und Flüssen, von Wäldern und Wüsten. Von einem Land mit Hochebenen und einem Land, das immer auf das Meer blickt, So als ob uns die Welt ihre ganze Vielfalt in einem kleinen Auschnitt zeigen möchte. Von Reichtümern, von denen die Spezialisten sagen, sie seien unermeßlich: Mineralien aller Art, das fischreiche Meer und der fruchtbare Boden. Ein reiches Land und hungernde Menschen? Wenn es diese Reichtümer gibt, dann haben die Menschen wenig davon. Nun, es sind nicht diese Reichtümer, von denen ich spreche.

Ich spreche von den Menschen, von verschiedenen Volksstämmen, von der Unschuld und Fröhlichkeit der Kinder, von dem Mut eines leidgeprüften Volkes, das der Verzweiflung nicht nachgibt. Von denen, die stets auf die unterste Stufe der Menschheit verwiesen wurden von den Eroberern, die nur den Profit im Namen einer „höheren“ Zivilisation suchten. Von denen, die durch Kriege gespalten wurden, beim Versuch, ihren Widerstand zu brechen. Und von denen, die immer wieder in einer Weissagung, einem Blick, einer Geste den Mut zum Widerstand zu finden wußten.

Ich spreche von denen, die niemals aufgaben. Von denen, die auf tausenderlei Weise überlebten: die Kriege, die Invasionen, die Sklaverei, die Hungersnöte. Von denen, die in blauen Träumen die Zukunft aufbauten, während die Gegenwart nur die Farbe des Todes trug.

Ich spreche von einem Land, nach dem wir suchen. Von einem bescheidenen Volk, zufrieden mit dem Wenigen, das das Land ihm gibt, den Überfluß abweisend. Ich spreche von der Würde der Alten, die Weisheiten aus der Tiefe der Pfeifen ihrer Ahnen ziehend.

Ich spreche von dem Mut der Frauen, bescheiden in ihren Worten, immer kampfbereit, auch im Schlaf. Ich sprech von der Stärke der Männer, die Fischernetze hereinholen, Lasten ziehen, provisorische Häuser errichten. Ich spreche vom Vertrauen der Kinder, deren Augen in eine bessere Zukunft weisen.

Ich spreche von einem Land, das wir suchen. Nicht im Prunk der großen Kathedralen, nicht in breiten, modernen Alleen, nicht in den Luxushotels  für die Privilegierten dieser Welt. Von den einfachen Menschen spreche ich, die dieses, mein Land prägen. Von dem Land der großen Vielfalt, das Guenay Ulutuncok voller Sensibilität in seinen Bildern zeigt.

Der Schriftsteller Pepetela über sein Heimatland Angola aus dem Vorwort zu „Angola. Ich spreche von einem Land…“ von Gabriela Antunes, Pepetela, Agostinho Neto (Text) und Guenay Ulutunçok (Fotos), Marino Verlag/Peter Hammer Verlag in Zusammenarbeit mit der Deutschen Welthungerhilfe, 1992

Pepetela (eigentlich Artur Carlos Maurício Pestana dos Santos) wurde 1941 in Benguela, Angola, geboren. Das 1958 in Portugal begonnene Ingenieurstudium brach er ab, als er nach Algerien ins Exil ging und dort Soziologie studierte. 1969 schloss er sich der Guerilla zur Befreiung Angolas an und fing an zu schreiben. Nach der Unabhängigkeit war er einige Jahre Vizeminister für Bildung, seit 1982 ist er Professor für Soziologie an der Universität in Luanda, wo er auch lebt. Er gehört zu den wichtigsten Autoren Angolas und erhielt die höchsten Auszeichnungen für sein Werk, u.a. 1997 den Prémio Camões.