Nelson Mandela

©photos: guenay ulutuncok/laif

Nelson Mandela – nach 27 Jahren auf der Gefängnisinsel Robben Island

Eine sanfte Begegnung

Von Guenay Ulutuncok

Wir fahren mit einem VW-Bus durch die Straßen von Johannesburg. Eine nette Dame begleitet uns zu unserem Ziel. Auf dem Weg dorthin unterhalten wir uns. Sie sagt, dass er gerade von einer Reise zurückgekommen ist und eigentlich sehr müde sei. Wir sollten unsere Idee, ihn drei Tage zu begleiten, zunächst aufgeben und schauen, was wir heute realisieren können. Es ist unser zweiter Anlauf, in den letzten 3 Monaten, in Johannesburg. Da er krank war, mussten wir unser Vorhaben zuvor schon einmal aufgeben und wieder zurückfliegen und dann auf einen neuen Termin warten. Nun werden wir Nelson Mandela am 12. November 1990 in seinem Haus in Soweto treffen, nachdem er am 11. Februar 1990 freigelassen wurde.

Gleich sind wir da – die Spannung steigt unter uns und dann stehen wir auch schon vor seinem Haus. Keine Hektik vor dem Eingang, keine bewaffneten Security-Riesen und kein Gepäckcheck mit X-Ray. Wir gehen hinein wie geladene Gäste. Freundlicher Empfang, kein aufdringliches Personal und keine Vorschriften.

Für gewöhnlich fährt man in Südafrika mit dem Auto ins Grundstück hinein, weil die Fahrzeuge innerhalb des Grundstückes geparkt werden, damit sie nicht gestohlen werden können. Dort steigt man aus und nach ein paar Stufen steht man auf der Terrasse des Gastgebers. Von dort aus geht es in den Wohnbereich des Gastgebers.

Ich bin im Eingangsbereich des Hauses von Nelson Mandela in Soweto bei Johannesburg.

Neben mir mein Journalisten-Freund Mustafa Danesch und sein südafrikanisches TV-Team.

Solche Termine sind sehr ungewiss, was die Länge des Termins anbetrifft. Das Gespräch kann aus diversen Gründen jederzeit abgebrochen werden. Nelson Mandela ist auch gerade angekommen. ER begrüßt seine Mitarbeiter und es werden Informationen ausgetauscht. Dann erledigt er einige Telefonate in seinem Arbeitszimmer. Schon vor der Begrüßung, fange ich an zu fotografieren. Mustafas südafrikanischer Kameramann ist nicht besser.

Es ist Mittagszeit in Johannesburg und die Sonne steht hoch. Eigentlich würde kein Fotograf um diese Uhrzeit freiwillig in Afrika fotografieren wollen, weil man sehr harte Kontraste hat.

Nach den erledigten Arbeiten, setzt Mandela sich auf einen Stuhl auf der Terrasse, zieht seine Schuhe aus und macht es sich gemütlich, ganz so als ob wir gar nicht da wären. Er liest in einer Zeitung und trinkt Tee. Zwischendurch macht er Späße mit seinen Enkelkindern. Mustafa macht sein Interview zwischen den Blitzlichtern auf der Terrasse.

Immer wieder wird Nelson Mandela ans Telefon gerufen in seinem Arbeitszimmer, und wir die hektischen Geister – Fotograf und Kameramann – sind immer dabei, wohin er sich auch bewegt. Nichts bringt ihn aus der Ruhe. Er geht einfach weiter und erledigt das, was erledigt werden sollte. Die Zimmer sind bestückt mit diversen Glücksbotschaften und Geschenken, die er nach seiner Freilassung bekommen hat.

27 Jahre Robben Island scheinen ihn tatsächlich nicht verbittert zu haben: Ein sanfter Mann, ein kluger Denker und ein Mann mit Humor. Nach drei Stunden Aufenthalt in seinem Haus, fangen wir an das Equipment zu packen. Es ist Zeit, ihm seine Ruhe zu geben. Kein Mensch macht uns Druck. Nelson Mandela sucht sich an einer Mauer seines Hauses einen schattigen Platz und unterhält sich dort mit seiner Mitarbeiterin. Wir haben fertig gepackt und verabschieden uns von ihm und von seinen Mitarbeitern. Unterwegs zu unserem Hotel nach Johannesburg herrscht Schweigen im Auto. Ich glaube wir alle sind berührt von seiner Persönlichkeit und seiner Bescheidenheit.

In Robben Island sitzen noch mehrere politische ANC-Gefangene, die auch bald freikommen werden sollen. Davor werde ich noch die Möglichkeit bekommen die Gefängnisinsel zu besuchen. Auf die Genehmigung dafür habe ich mehr als vier Monate gewartet. Am nächsten Tag des Termins fliege nach Windhoek in Namibia zurück. Seit der Unabhängigkeit Namibias lebe ich hier. Mustafa fliegt zurück nach Deutschland.

Am 18. Juli hat Nelson Mandela Geburtstag. Wir wissen alle, dass es ihm derzeit nicht gut geht. Ich drücke ihm die Daumen und wünsche ihm alles Gute zu seinem 95sten Geburtstag.

Guenay Ulutuncok, Köln, 17.Juli 2013