Alexander Goeb

Aus der Serie „Ez Kurdim“ ©photo:guenay ulutuncok/laif

„Es ist nur ein kleiner Berg“

Unterwegs zur kurdischen Guerilla

Berge mag ich nicht. Ich schaue gerne auf Gipfel, in tiefe Abgründe und auf eisige Gletscher. Besser gefallen mir die Ebenen, Wüsten und Wiesen. „Es ist nur ein kleiner Berg, sagte Guenay, als wir uns zu einer Vorbesprechung im „Kölsch Rouge“ in der Kölner Südstadt trafen.”Wir müssen nur eine steile Böschung hoch, das ist alles.“ Guenay verabreichte Beruhigungspillen, denn er wusste, dass meine Lungen auch damals schon, also 1991, nur noch die Hälfte wert waren. Aber ihm war unbekannt, was das bedeutet. Wie sollte er es auch wissen. Und dann waren wir in Damaskus. Die zahlreichen syrischen Geheimdienste hatten uns längst im Blick. Wir wollten mit kurdischen Frauen sprechen, die ihr Land, ihre Familie, ihre Freunde, ihre Ehemänner, alles was ihnen mehr oder weniger lieb und teuer war und alles, was sie hassten, wie die Pest, zurückgelassen hatten, um zu trainieren. In den Bergen des Libanon übten sie das Töten. Guenay erhoffte sich spektakuläre Bilder. Ich eine spannende Reportage.

Der Muezzin rief, und wir zwängten uns in ein gelbes Allerwelts-Taxi mit einem schweigsamen Fahrer am Steuer. Im Fond saß außer uns eine kleine Frau in Bluejeans und Pulli, ein Rucksack war ihr Gepäck. Das Taxi fuhr auf der Autostraße Richtung Beirut, durchquerte die Berge von Khachine, in der Höhe des Jabal al Mazar, unmittelbar an der Grenze zum Libanon, mussten wir raus. Der Berg lag vor mir, und ich bekam Beklemmungen. Ich gab mir einen Schuss aus der Spray-Dose. Die kleine Frau sprach plötzlich Deutsch: „Wir müssen schnell hinauf wegen der Schmuggler. Sie schießen sofort.“

Guenay war mindestens hundert Meter voraus. Ich keuchte, wie nun einmal ein Asthmatiker keucht, wenn die Bronchien sich verweigern. Die Kurdin schaute besorgt. Verständlich, es ging nicht nur um mich. Sie schulterte schweigend mein Gepäck, lächelte, nahm mich an der Hand und zog mich den Berg hinauf. Wie üblich, stellten sich die Kopfschmerzen ein. Ich stolperte an der Hand der kleinen schmalen Frau den Berg hinauf, bis die Gefahr vorbei war. Auf den Bergspitzen standen jetzt schemenhaft kurdische Wächter. „Wir haben es geschafft”, meinte Guenay, der an einer Bergkehre auf mich gewartet hatte. Entschuldigend sah er mich an: „Ich habe nicht gewusst, dass es so schlimm ist, sorry.“ Morgen früh würde Jiyan unter 500 Guerillakämpfern stehen, zum Morgenappell angetreten, und Guenay würde seine Kameras in Stellung bringen.
Die Story ist auch tatsächlich veröffentlicht worden, Gott ja, in marie claire. Und ein Buch haben wir gefummelt. „Ich bin Kurdin“ hieß es. Die meisten der kurdischen Kämpferinnen sind heute tot. Auch unser Dolmetscher Husseyin, den schmissen die eigenen Leute in eine tiefe Schlucht. Und Özalan, der Interviewpartner in den Libanon-Bergen, sitzt lebenslang im türkischen Knast. Wir haben ihn zuletzt als Volleyballspieler im Libanongebirge gesehen.

Alexander Goeb
Geboren 1940 in Düsseldorf, von 1964 bis 1983 Redakteur verschiedener Zeitungen und Zeitschriften. Danach freier Autor. Als Reporter in zahlreichen Krisengebieten der Welt unterwegs. 1979 konnte Alexander Goeb als einziger Journalist aus der Bundesrepublik am damaligen Tribunal gegen Pol Pot und Ieng Sary teilnehmen. Über fast 30 Jahre entstanden Radiofeatures für den WDR und Print-Reportagen. Zuletzt erschien von Alexander Goeb das Buch „Kambodscha – Reisen in einem traumatisierten Land“, Verlag Brandes & Apsel 2007.
1978: Egon-Erwin-Kisch-Preis für eine Reportage über die Kölner Edelweißpiraten
1980: Hans im Glück-Preis für Jugendliteratur für „Er war sechzehn, als man ihn hängte“
1993: Geisendörfer-Preis für Hörfunk-Produktionen für das WDR-Feature „Die Burg des Widerstandes“ – Reportage über die Kurden-Metropole Diyarbakir

www.alexander-goeb.de